Sonntag, 19. September 2010

Interessanter Artikel im Reutlinger Wochenblatt

Am 16.September ist ein interessanter Artikel im Reutlinger Wochenblatt erschienen, dieser Artikel beschreibt den Abriss eines denkmalpflegerisch bedeutenden Gebäudes in der Metzgerstrasse in Reutlingen.
Leider herrschte, nach unserem Empfinden, unter den Reutlinger Bürgern breite Unkenntniss über die Bedeutsamkeit dieses Gebäudes...
Rekonstruktionsskizze

 Von Sebastian
So schnell kann's gehen. Vor zwei Monaten noch, da hat man sich das Maul darüber zerrissen. Gelästert, was das Zeug hält. Über die alte Schabracke, den Schandfleck. Über das Haus, das so langsam vor sich hin zerfiel. Über die Metzgerstraße 24.
Nun, seit vergangenen Donnerstag, steht der Schandfleck in einem neuen Licht da. Er gehört nämlich zu den ältesten Fachwerkhäusern nicht nur in Reutlingen, sondern sogar im ganzen Bundesgebiet. Na ja, eigentlich muss ich sagen: Es gehörte. Und das ist das Dilemma. Denn bekanntlich wurde die Metzgerstraße 24 vor kurzem erst abgerissen.
Aus Sicherheitsgründen. Weil es an allen Ecken und Enden bröckelte und bröselte. Zuvor hatte die Stadt sich bemüht, die Eigentümer dazu zu bewegen, das Haus, das man auf die Zeit nach dem Stadtbrand von 1726 datierte, zu erhalten. Allerdings ohne Erfolg. Und dann fiel es, das Denkmal, von dem keiner wusste, dass es eines ist.

Von wegen nach 1726 entstanden: Auf 1299 konnte das Gebäude datiert werden. Rückwirkend. Nach einer durch den Geschichtsverein finanzierten Untersuchung, die das Haus Metzgerstraße 24 als "bauhistorische Sensation" auswies.
Man stelle sich nur vor, welche Pilgerströme an Architekturinteressierten am vergangenen Sonntag hätten nach Reutlingen kommen können ­- am Tag des offenen Denkmals! Stattdessen klafft an der Stelle des Sensationsfundes nun eine weitere Wunde im Stadtbild. Eine Wunde, die mich sentimental macht, habe ich doch schon immer ein ganz besonderes Verhältnis zu (alten) Häusern.
Kann ich mal nachts nicht schlafen, so streife ich durch die Straßen der Stadt und stelle mir vor, wer hinter den Mauern, hinter den mit Gardinen verhüllten Fenstern lebt. Wer hier geboren und alt wurde, welche Geschichten sich angesammelt haben zwischen den Wänden und Decken. Und natürlich gibt ein altes Haus, das die Geschichten ganzer Generationen in sich birgt, da besonders viel her.
Die Geschichten, die sich in der Metzgerstraße abgespielt haben, dürften nur noch wenige, vornehmlich ältere Reutlinger kennen. Und ich selbst habe nur noch ein kleines Stück Erinnerung, das mich an sie bindet. Ich hab es Ihnen ja schon einmal erzählt. Offenbar aber waren es in Reutlingen zu wenige, die noch an dem "alten Kasten" und damit den Geschichten, gar der Geschichte hingen.
Denn sonst hätten sich vielleicht ein paar mehr Proteststimmen erhoben, als er dem Erdboden gleich gemacht wurde. So wie in Stuttgart, wo wöchentlich Tausende für den Erhalt des leider schon von Baggerzähnen angegriffenen Bahnhofs ­ für den Bonatzbau ­ demonstrieren. Bisher noch ohne den Gewünschten Erfolg ­ den Bau- und Abrissstopp.
Oder wie in Köln, wo die Bevölkerung sogar (Mut machenden) Erfolg hatte und den Abriss des Schauspielhauses erfolgreich verhinderten. Schade eigentlich, dass der Abriss der Metzgerstraße nicht verhindert wurde. Auch, wenn es nach ersten Schätzungen "nur" ein stinknormales Haus von nach 1726 war.
Schade nicht nur deswegen, weil Architektur seit jeher ein Touristenmagnet ist. Sondern weil man längst ­ wie jüngst auf der Architekturbiennale in Venedig ­- erkannt hat, wie wichtig es ist, sich mit der sozialen und ästhetischen Dimension unserer Städte auseinanderzusetzen.
Mit ihren "Gesichtern" aus unterschiedlichen Zeiten. Und darum habe ich mir kürzlich, bei einem meiner Spaziergänge vorbei an den einmal mehr, einmal weniger architektonisch gelungenen Gesichtern Reutlingens, etwas gewünscht für diese Stadt, ihre Bewohner, ihre Verwalter.
Dass sie alle sensibler werden für das, was sie an Schätzen zu bieten hat. Es müssen doch nicht immer nur Neubauten sein, denen Gelder (und manche Herzen) zufallen, oder?
Quelle:Reutlinger Wochenblatt

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